Afrika my love und Europe my heart

Ein Afrika-Reisetagebuch

Es folgen die in Afrika verfassten Aufzeichnungen zu meiner ersten (musikalischen) Afrika-Reise vom 27.12.2016 bis 16.1.2017 nach Senegal und Guinea Bissau. Hintergrund: die musikalische Verbindung mit dem in Wien lebenden senegalesischen Musiker Karim Thiam Tama und dessen Besuch auf seinem Kontinent. Zum Schreiben dieser Zeilen läuft im Hintergrund Boubas’s Car-Music. Jener erfahrene Minivan-Driver, der uns sicher von Ziguinchor nach Bissau brachte.

Wer wenig Zeit hat, der schaut sich einfach diesen Foto-Player an:

Die meiste Zeit reisten Karim, sein Bruder Abib und ich, sowie mein Bruder Bernd miteinander. Wir drei machten Musik, mein Bruder filmte und fotografierte. Die Fotos und Videos stammen fast ausschließlich von ihm. Eine aufregende Geschwister-Konstellation, außerdem ein kleines Sprachen-Babylon. Konflikte wurden sofort und energisch ausgetragen, meist aber war es irrsinnig lustig und einfach nur schön. Eine Reise mit dem Bruder sollte unbedingt in jedem Lebensplan stehen, und eine Reise nach Afrika auch…

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Aber der Reihe nach:

26.12.2016

Ich komme nach einem kurzen Weihnachtsbesuch bei meiner Familie in OÖ nach Wien zurück und erledige noch die letzten Dinge. Drucke mir alle wichtigen Adressen gefühlte 100x aus, verstaue meine Passkopien und Meldezettelkopien und Flugticketkopien an 7 verschiedenen Orten zwischen meinem Gepäck. Notiere mir alle wichtigen Telefonnummern in mein Reisetagebuch und speichere sie in 3 verschiedene Handys. Ich bin für alles gewappnet und komme bereits am 28.12. am Flughafen in Dakar drauf, dass die Reiseführer und überhaupt alle völlig hysterisch übertrieben haben. Ich komme mir sehr schäbig vor.

27.12.2016

Bis zur letzten Minute gepackt. Die Katze verabschiedet und zum Flughafen Wien Schwechat. Mich friert weil ich fast nichts anhabe. Deswegen kaufe ich mir beim Bipa am Flughafen schnell noch warme Socken und eine Strumpfhose. Im völlig überhitzten ( immer ) Türkish Airlines Flieger ( ansonsten ist diese Airline die coolste, mit der ich je geflogen bin ) ziehe ich mir bald alles wieder aus. African Heat is coming.

28.12.2016

Im Flugzeug. Langer Flug. Zwischenlandung in Istanbul. Wegen Zeitumstellung ging’s gleich weiter und dann aber doch nicht. Ich mag Türkish Airlines. Alles ist gratis. Das Essen, das Trinken, Kopfhörer, Polster, Decken, Fernseher. Das Essen ist gut. Es ist jetzt 6 h oder so und stockdunkel. Soll heißen, der Kontinent unter uns ist dunkel. Noch mal Zwischenlandung in Novakchott oder so. Meine Hände tun weh. Gestern Karim nicht mehr erreicht. Wir haben auch keinen Unterkunftsnachweis. Bin gespannt, ob wir durch die Kontrolle kommen, ob meine Gitarre da ist, ob Karim’s Bruder kommt, der uns anstelle von Karim abholen kommen soll, ob Karim dann in der Nacht wirklich nachkommt. Mein Koffer hat 28 Kilo. Wie Dakar dann wohl ist, die Taxis? Ich bin entspannt und möchte nächstes Jahr einen Schritt weiterkommen. Ich fange hier in Afrika damit an. Vielleicht finde ich hier mehr zu mir. Ich wollte immer hierher und dachte immer, hier ist etwas für mich.

8 Uhr früh

Flughafen Dakar. Ankommen. Smog. Stinkig. In den Flughafen rein und da steht Karim! Er hat sich mit der Zeitumstellung geirrt und kam in Wirklichkeit in der Nacht vor uns an. Und war deswegen unerreichbar. Er lotst uns durch die Passkontrolle, wir sind schneller durch, als geglaubt. Auch meine Gitarre ist da. Straßenkinder, die völlig müde und heiser sind. Viele Taxis. Sehr ramponiert. Viel Staub. Karim’s Bruder Abib ist auch da. Fahren zum Haus. In eine bessere Gegend. Bis dahin: viele Hütten, halbfertige Häuser, Kinder, geschäftiges Treiben, Ziegen, Schafe, Pferdekutschen, Dreck, Schmutz, Provisorium. Im Haus fühle ich mich gut aufgehoben. Liebe Familie. Herzlich. Bekommen Frühstück. Nescafe und Tunfishbaguette, ich Eck-Streichkäse aus Frankreich, mit einer Kuh drauf. Sehr gutes Baguette. Machen 2 Touren durch das Viertel. Wir schenken die Mozartkugel und den Ö-Kalender her. Es wird gekocht. Am Boden auf einem Gasherd. Die Mutter verkauft Feuerwerkskörper und Knallfrösche für Silvester vorm Haus. Es wird von 2 fremden Frauen Wäsche mit der Hand gewaschen. Die Familie besteht aus Bruder, Schwester, Mutter, Nichte, Neffe. Es ist alles, wie es bei uns mal war, plus sehr viel ärmer, aber die Leute sind gut drauf. Verstopfte Straßen, kaputte Autos, Lkw’s, Buden am Strassenrand, überfüllte Car-Rapid’s ( bemalte öffentliche Busse ). Aber alles funktioniert irgendwie. Wenn Dakar der Übergang von Europa zu Afrika ist, wie es so schön heißt, dann ist das für mich jetzt mal ein ziemlicher Bruch. Das muss man gesehen haben, um es zu verstehen. Ich freue mich, dass mein Bruder da ist und dass er alles mit seiner Kamera festhält. Wenn wir das alles so zurückbringen, wird das ein schöner Film.

29.12.2016

Wir sind in der Ö-Botschaft und bekommen eine Unterstützung und gehen dann mit der Botschaftsmannschaft in das französische Kulturzentrum Essen.

Dann im Markt von Medina unterwegs. Unglaublich. So viele Stand’l! Naschmarkt in Afrika! Wer soll das alles kaufen!

Wir besuchen ein Künstlerviertel namens “Village de Art” – dort ist es endlich mal ruhig, Dakar ist mir gerade echt zu laut und zu dreckig. Und in dieser Ansammlung von Ateliers und kreativen Künstlern gibt es endlich mal keine Autos!

30.12.2016

Heute Insel Ngor. Eine kleine Insel ganz nahe bei Dakar. Auch hier ist es ruhig. Wir haben am Strand bei Verwandten von Karim gegessen und Ataya getrunken. Das ist ein super leckeres Teegetränk. Und irgendwie sind hier alle miteinander verwandt. Karim hat 10 Mütter und 50 Schwestern oder so! Dann waren wir kurz im Atlantik baden. Jetzt geht die Sonne unter.

Gestern, die Taxifahrten, einmal rein nach Dakar, einmal raus, dann durch die Sandgassen Bier holen, das war mir echt zu viel. Lärm, Menschen, Gestank, Staub, Dreck. Die Taxifahrten bei Nacht sind hier wie durch ein Kriegsgebiet. Kein Licht, nur Autolichter im Staub, Menschen, die zwischen den Autos durch huschen, Häuserruinen und Staub, Staub, Staub!

Das Bier oder Alkohol generell gibt es nur in bestimmten Läden, der Besitzer von unserem Alkoladen freut sich über uns. Es ist nicht weit von unserem Haus entfernt. Wir müssen über die immer stark befahrene Sandpiste und den Hügel hoch. Das Bier trinken wir dann im Haus, was für alle ok ist, obwohl wir die einzigen sind, die Alkohol trinken. Wir trinken Gazelle und Flag. Es ist sehr lustig, die Biersorte „Flag“ heisst wie das Vereinslokal vom Wiener Sportklub. Wir fahren ziemlich ab auf das senegalesische Bier. Wir sind halt Österreicher.

Morgen ist Silvester, es beginnt ein neues Jahr.

So far, Senegal ist weniger gefährlich und auch wegen Krankheiten, definitiv zu viel Angst gehabt!

Mein Vorsatz für 2017: keine Angst mehr und täglich eine “innere Sensation”!

Ich werde 3 Wochen mit meinem Bruder in einem Bett verbringen, wie es aussieht. Zumindest in einem Zimmer und sehr oft in einem Bett. Das gab’s noch nie zwischen uns!

31.12.2016

Reger Silvesterartikelverkauf vor Karim’s Haus. Das Geschäft von Mama Penda boomt nun völlig. Es läutet dauernd an der Türe, weil Kinder der Nachbarschaft kommen, um sich Raketen zu kaufen.

Alles wird hier am Boden gemacht, auch das Essen. Und das kommt mir irgendwie auch für mich passend vor: kochen, schneiden, schälen, abwaschen, essen. Alles wird aus einem riesen Teller gegessen. Das Essen besteht meistens aus Zwiebelsauce mit Reis plus Fleisch oder Fisch. Und bisschen Gemüse. Es wird zweimal gekocht, einmal gegen späten Nachmittag und einmal gegen oder nach Mitternacht. Ich esse unabsichtlich nach Jahrzehnten wieder einiges an Fisch und Fleisch, weil ich nicht nur Reis und Salat essen will.

Bernd und ich opfern eine Banane an der Straßenkreuzung für den chinesischen Affengott, der um Mitternacht vom chinesischen Huhngott abgelöst wird.

Wir fahren um 3 h früh dann endlich los, um uns ins Silvester-Nachtleben von Dakar zu stürzen. Verbringen 2 h im Stau zu fünft in einem “privat” Taxi. Es ist also noch kaputter als die offiziellen Taxis und der Fahrer ist ein Baye Fall. Baye Fall ist eine Art Religion oder Philosophie in Senegal. Wir treffen also den ersten Baye Fall.

Wir haben unglaubliche Abgasmengen eingeatmet und fast die Panik wegen Stau und Enge im Fahrzeug bekommen. Schließlich stehen wir zwischen Millionen Menschen auf einer Fortgehmeile, ca. 5 Uhr früh. Und weil die Clubs alle überfüllt sind und zwar richtig überfüllt, gehen wir in einen Club gegangen, der uns als “ruhig” angekündigt wird. Da war dann überhaupt niemand, das war sehr lustig irgendwie. Wir tanzen bis in den Morgen. Dann werden wir ziemlich schnell rausgeworfen. Das ist auch lustig. Das passiert in Afrika nämlich eher selten.

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2.1.2017

Den ganzen ersten Jänner mit kotzen verbracht.

Heute nur einmal zum Meer, ansonsten nur im Haus.

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3.1.2017

Auf der Insel Goree. Hier sind lange Zeit Sklaven aus ganz Afrika verschifft worden. Ich habe ein Gefühl als wäre ich in Mauthausen. Zum ersten Mal sehen wir andere Weiße in Dakar, Touristen, die auch auf diese Insel fahren. Wir fahren hin, um dort ein paar Bilder für den Film zu drehen. Schließlich soll es im Film auch um Versöhnung gehen. Die heutigen Bewohner der Insel leben in den Kolonialhäuserruinen ihrer damaligen Unterdrücker. Die Menschen sind gut drauf. Das Geschäft mit den ‘Touris’ boomt. Es gibt viele Künstler und viele Baye Falls. Beifall! Wirklich schöne Dinge. Nicht nur ‘Touri-Ramsch’.

Kleine Bars und Restaurants. Ruhe, keine Autos. Sind kurz in einem der Häuser, in denen Sklaven „gehalten“ wurden. Die Geschichte des Sklavenhandels zeigt wieder einmal, wie grausam Menschen sind. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Die Insel ist wunderschön. Die Geschichte dazu tut weh.

Zurück im Haus in Dakar, haben wir kurz einen Straßenjungen hereingeholt. Er kam mehrmals in unsere Straße und hat immer das gleiche Lied gesungen, wunderschön. Ich wollte wissen, was das für ein Lied ist. Er saß dann am Boden und hat es dann in einer Endlosschleife für uns gesungen. Es ist ein traditionelles Lied.

La Hil La Ila Ila

Mo Hamma Dura Sulila

La Hil La Ha Ilala

Es heißt: “zu dir Oh Gott bete ich”…

Die Straßenjungs sind traurig, müde, krank und dreckig. Sie werden von ihren Familien in den Koran-Schulen abgegeben, aber viele Imane schicken sie hauptsächlich auf die Straße zum Betteln und nehmen ihnen das Geld dann ab. Diese Jungs haben absolut keine Zukunft und sind den neuen Lebensumständen völlig ausgeliefert.

Verschmutzung, Food aus China, Land Grabbing, Autos, Cancer, perverse Geldmacherei aus der Armut, save Afrika, Afrika zu etwas Besonderen machen, dazu hätten wir alle die Chance, stattdessen beuten wir den Kontinent weiter aus, Afrika erstickt teilweise im Müll, Umweltschutz darf kein Luxus sein.

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Ich scheine hier die Connection zu mir wieder zu finden. Und die innere Sensation wieder zu spüren.

4.1.2017

Es wird geprobt und zu “Not In My Name” gedreht. Außerdem gehen wir mit Mama Penda auf den Markt und kaufen Stoffe. Die Auswahl an bunten, schönen Motiven ist überwältigend. Danach gehen Bernd und ich eigene Wege, sind mit Limanuh, auch ein Hausbewohner, in der Stadt unterwegs. Selbstbestimmt tut auch mal gut.

5.1.2017

Am Boot nach Guinea Bissau. Die See ist ruhig! Ich glaube, ich habe mich an den afrikanischen Rhythmus gewöhnt.

Mama Penda sprach heute ein Gebet, bevor wir auf die Reise gingen.

Pedro, der Mann der uns die Visa für Guinea Bissau nach Dakar bringen sollte, ist gestern auch noch plötzlich in Karim’s Haus aufgetaucht. Die NGO ADPP, die wir dort besuchen, weil sie von HUMANA unterstützt werden, hat das Visum für uns besorgt. Wir sind beide laut Aufdruck ‘Australianer’. Bernd heißt im Visa außerdem im Nachnamen Österreicher… Das ist schon sehr lustig irgendwie… Wir sind gespannt, ob wir mit dem Visum durchkommen. Aber mit Pedro an der Seite, der als einziger von uns portugiesisch, die Landessprache, spricht, wird es vielleicht klappen.

Auch die” Musik verstehen” funktioniert jetzt besser, ich komme endlich in den gefuxten mir a-rhythmischen Afrika-Rhythmus rein. Also musikalisch. Keinen Ahnung, was sich da für mich auftut. Aber es fühlt sich nicht mehr so schräg an. Oder komisch. Oder chaotisch. Oder fremd.

Zurück zum Boot.

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Die Nacht am Boot war furchtbar. Es gibt Sitzsessel, wie im Flugzeug. Die Räume sind völlig runter gekühlt, eiskalt und es laufen zwei verschieden Action Thriller in Kinolautstärke. Wie da drinnen geschlafen werden kann, ist mir ein Rätsel. Draußen an Deck wird ab 1 h die Bar zugemacht aber die Musik nicht abgedreht. Bernd und ich bauen uns ein Lager an Deck im Freien. Unsere afrikanischen Begleiter schlummern zufrieden indoor. Der erste Schlafplatz ist irrsinnig zügig, der zweite dafür irrsinnig laut, weil aus den Boxen chaotische Afrika-Mucke kommt. Bis um 7,30 h! Dann sperrt die Bar wieder auf und plötzlich laufen ruhige Soul-Balladen. “Rather Go Blind” und so. Es gibt echten Espresso, statt Nescafe und Croissants. Wir trinken viele Espressi, die Sonne geht auf, der Casamance River, den wir mittlerweile betuckern, ist wunderschön, ich sehe zum ersten Mal Delphine. Alles gut, egal, dass wir nichts geschlafen haben.

In Ziegenchor werden wir von Bouba und seinem Bouba-Mobil abgeholt. Wir müssen ab der Grenze zu Guinea Bissau durch gefühlte 10 Straßenkontrollen, müssen immer wieder etwas Geld bezahlen, für das Visa, für irgendwas am Auto, für nichts. Ich höre auf die Stopps zu zählen.

Angekommen in einem der wenigsten entwickelten Ländern dieser Erde. Die Drogenmafia kontrolliert angeblich alles, die Bevölkerung wird von vielen NGO’s versorgt und unterstützt.

Einige Stunden lang fährt ein Beamter der Grenzpolizei mit uns mit, bis wir bei irgendeiner Behörde in irgendeinem Dorf stehen bleiben, wo wir irgendwas ausgestellt bekommen… dann endlich weiter… Es ist ganz gut, so etwas einmal zu erleben, aber irgendwie beklemmend und nervig ist es doch.

Trotzdem ist es hier in Guinea Bissau irgendwie angenehm, weniger Verschmutzung, die Leute weniger hektisch, das Essen besser und gesünder als im Senegal. Aber die Straßen! Bouba gibt sich echt Mühe, aber kracht in unzählige Schlaglöcher. Uns hebt es ohne Übertreibung oft einen halben Meter aus den Sitzen.

6.1.2017

Wir sind in Bissau angekommen und werden von ADPP empfangen. Etwas später geht es zum Essen, dann zum Schlafen. Unsere Köchin, ihr Restaurant und ihr Team sind lieb und kochen sogar extra vegetarisch für mich. Und das voll gut! Wir schlafen bei einem Schweizer, der eine Art Pension hat. Mittlerweile kommen wir auf 10 verschiedene Sprachen.

7.1.2017

Wir schmieden mit ADPP einen Plan. Jeden Tag des Aufenthalts in Guinea Bissau wollen wir uns einen Teilbereich ihrer Tätigkeiten ansehen und filmen.

Heute soll es ein “Culture” Projekt sein, dass erst aufgebaut wird. Kinder sollen dort Musik- und Tanzunterricht erhalten. Unter anderem für den Guinea Bissau Karneval. Die Anfänge dieses Zentrums finden wir in einer slumartigen Siedlung. Überall liegt Müll herum und west so vor sich hin. Die Menschen hier leben ohne elektrischen Strom und fließend Wasser, in so einfachen 1-Zimmer Lehmhütten. Die Kinder sind irrsinnig lieb und süß. Es ist herzzerreißend.

Vorher schauen wir noch einen Sprung ins “Radio National Guinea Bissau” vorbei und spielen einen Song live. Humberto, unser Kontaktmann von ADPP, übersetzt zwischen dem Moderator und uns, live auf Sendung.

Es wird auch das Konzert vor der ADPP Zentrale angekündigt. Als wir am Abend zum Spielort kommen, steht eine riesige Bühne mit überdimensionaler Soundanlage mitten auf der Sandstraße. Echt geil, das hätte ich nicht erwartet. Dabei spielen wir nur mit Gitarren! Bevor wir auftreten, sind Jugendliche dran, die Fullplayback-Synchronrappen. Aber beherzt! Und dann eine Trommel- plus Tanzgruppe, samt traditionellen Kostümen. Es ist voll klischeehaft, aber wirklich beeindruckend. Voll cool, dass wir das miterleben dürfen.

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Unser Konzert ist auch cool, aber nach dieser Energie unserer Vorgruppe sacken wir ehrlich gesagt ein bisschen ab.

Danach geben wir uns das Night-Life of Bissau, obwohl wir hundemüde sind. In den Reiseführern ist endlich mal was richtig beschrieben. Es stimmt, hier wissen die Leute, wie man feiert! Wir feiern bis in den frühen Morgen.

8.1.2017

Fahren dann direkt nach einer kurzen Nacht weiter nach Bissora, wo wir privat untergebracht sind. Von dort aus besuchen wir zwei Agriculture-Projekte, eines in Culcunhe und eines in Unfarim. Diese Projekte sind kommunenhafte Dörfer, die sich mit Ackerbau, Solarkraft und Bewässerungssysteme ein besseres Leben schaffen. Wirklich cool. Die Straßen dorthin sind weniger cool. Sobald man die Hauptstraßen verlässt, wovon es nur einige wenige gibt, werden die Schlaglöcher tiefer, die Straßen schmäler und die Gefahr, an der Decke zu kleben, immer größer.

Im zweiten Dorf geben wir ein Konzert. Als wir ankommen, ist das Soundsystem samt DJ Wi schon da und die Stimmung kocht. Alle tanzen! Ich entdecke erneut die “innere Sensation”: ein Mädchen, dass am Bühnentruckrand direkt vor mir steht, fixiert mich das ganze Konzert über mit einem bestechend ehrlichem Lächeln… Bouba steigt spontan auf die Bühne und heizt das Publikum mit “Alibulu” Geschreie ein. Das war das Konzert meines bisherigen Lebens!

9.1.2017

Von dieser Stadt aus, wo es keinen Strom und kein fließendes Wasser gab, dafür ganz viele liebe Menschen, fahren wir direkt zum “Teachers Projekt”. Junge Erwachsene können dort eine Ausbildung zu einem “Lehrer für alles” machen. Wir wurden mit Gesang empfangen, haben nach einer Projekt Präsentation, ein Konzert vor vielen Schulkindern aus der Umgebung gegeben. Es war sehr ergreifend.

Danach sind wir nach Ziegenchor zurück gedüst, um es vor 17 h noch über die Grenze nach Senegal zu schaffen, damit wir am nächsten Morgen rechtzeitig das Schiff zurück erwischen. Um 17 h heißt es nämlich Grenzen dicht! Kaum ist man wieder im Senegal heißt es, Abgas, Smog, Autos ohne Ende.

10.1.2016

Wir sind wieder am Schiff nach Dakar.

Die Reise mit Bernd ist sehr lustig. Wir haben ziemlich viel Spaß und überhaupt ist alles sehr relaxed geworden.

Das Leben hier macht immer mehr Sinn. Fühle mich gar nicht mehr fremd.

Diese Schifffahrt ist angenehmer als die erste. Zuerst viel Sonne und Musik von der Bar und Zeit zum Lesen. Wie Strandurlaub nur ohne Strand und baden gehen. Dann das Nachtlager gebaut. Dieses Mal früh genug an einem strategisch guten Platz.

In der Nacht wurde auch die Musik abgedreht.

Bei Sonnenaufgang dann in Dakar angekommen, zurück ins Haus.

Abschalten, überwältigt von Eindrücken, Bilder, Kreativität, Gestank, Geräusche, völlige Dunkelheit, Stille, Straßen, Infrastruktur, Armut, Freunde, Lebenslust, Umwelt, Dreck, Musikalität, Einfallsreichtum, aus der Geschichte gerissen, Lebensweise beibehalten, Aufklärung, Feiern, Schönheit, Meer, Insel, Sklaveninsel, Ngor, Schifffahrt, über Land, Straßensperren, Konflikte, Sprachen, Menschen, die wir kennengelernt haben, Weite, Herzlichkeit, Chaos, schwer das alles bald nicht mehr zu haben.

11.1.2017

Gegen Nachmittag zum Lake Rose, einem Salzsee, der rosa schimmert. Dort haben wir für das Video gedreht, am See und bei der dort beginnenden Wüste. Das war aufregend! Ich war noch nie in der Wüste und habe dort zum ersten Mal auch Kamele gesehen.

12.1.2017

Nichts tun in Goree.

13.1.2017

Taxifahrt nach Kaolack im Sonnenaufgang, um 6h30 los, in einem gemieteten Taxi das aussieht wie ein Leichenwagen und drinnen drei Sitzreihen hat. Wenn da alle Sitze besetzt sind, was normal so wäre, quasi Sammeltaxi, dann ist es wohl ziemlich eng…

Mama Penda hat wieder für uns gebetet.

Gestern hatten wir spontan eine Musiksession im Schlafzimmer von Mama Penda, mit Einlagen von ihr und Tanz von den Kindern. Bernd und ich haben auf österreichisch getanzt und gesungen. Mama Penda hat dann noch ihr Interview über Karim und die Welt für den Film gegeben und am Schluss gemeint, wir seien alle eine große Familie. Wir hatten alle einen sehr emotionalen Moment.

Ich möchte gar nicht mehr weg.

In Kaolack dominiert eine für uns unglaubliche Umweltverschmutzung, Karim ist da geboren. In der Stadt baut sich gerade ein junger Verein namens ASDEK auf. Die Leute kümmern sich um eine Schule und wollen das Verschmutzungsproblem der Stadt in den Griff bekommen. Mit dabei ist auch ein Iman, der mich offensichtlich respektiert und schätzt, aber trotzdem gibt er mir nicht die Hand. Auch nicht beim Abschied. Ich bin irritiert, bekomme aber am Ende einen Stoff von ihm geschenkt.

In der Stadt liegt der ganze Müll einfach im Fluss, auf der Strasse, oder sonst wo herum. Es stinkt so dermaßen, dass wir uns fast übergeben. Da leben aber Leute direkt nebenan! Dazu viele Fliegen und Maden, ich hab so etwas noch nicht gesehen.

Danach gehen wir durch die Stadt zum größten Markt Westafrikas. Es ist heiß und stickig. Der Markt erstreckt sich über ein katakombenartiges, überdachtes Gelände. Der Markt ist wirklich beeindruckend. Es gibt alles zu kaufen, und unzählige Nähbuden, in denen Arbeiterinnen Kleider aus den schönsten Stoffen nähen. Viele Leute halten mit uns Blickkontakt.

Wir fahren zurück und kommen irgendwann in der Nacht an, gehen aber noch fort, weil es die letzte Chance auf Nachtleben in Dakar sein wird. Wir hören uns eine Live Band an.

14.1.2017

Ich verzweifle innerlich, weil das heute der vorletzte Tag ist, und ich noch mit allen reden möchte und die Stadt noch sehen möchte, das Meer…

Heute ist auch noch das Konzert im Haus von Karim.

Mama Penda schenkt mir ein traditionelles Kleid. Ganz bunt und schön. Schaue aus wie Mama Afrika, Mary Jambar.

Wir bereiten das Konzert vor, und den ganzen Tag über sind unsere Gedanken dabei, den Abschied am nächsten Tag vorzubereiten.

Das Konzert am Abend ist mit Musikern aus dem Senegal gemeinsam. Sehr cool. Es wird aufgenommen und gefilmt. Einige Leute sind da.

15.1.2017

Der Tag des Abschieds. Wir saßen herum, haben gewartet, haben uns immer wieder umarmt und uns beschenkt, bis es dann soweit war und uns Karim und Abib zum Flughafen gebracht haben. Bernd und ich haben beim Packen alle möglichen Kleidungsstücke oder Utensilien verschenkt. Medizin. Taschenlampen. Stifte. Krimskrams. Haben noch weitere Geschenke für die Familie besorgt. Der kleine Abib hat meine Lederjacke bekommen.

16.1.2017

Der Flug war lang, eng und heiß. Zur Abkühlung habe ich mir einen Film über den Mount Everest angeschaut, während es Richtung Türkei dann wirklich zu Schneien begonnen hat. Die ersten Stunden im Flug habe ich wie in Trance verbracht.

Ich bin wieder da. Es gibt wieder Beton, saubere Straßen, Häuser, Öffi’s, nicht so viele Menschen, Ruhe, saubere Luft. Restaurants. Abwechslungsreiches vegetarisches Essen hat mir gefehlt, schon am Istanbuler Flughafen fühlte ich mich wie im Paradies und konnte mit dem Essen nicht mehr aufhören.

Ich realisiere 2 Dinge: ich besitze hier einfach zu viel und ich führe ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben. Und ich meine das nun völlig frei von Gedanken über mein Frau-Sein.

Ich schlafe 2 Tage durch, wie im Delirium. Esse irrsinnig viel. Das Chaos fehlt. Afrika fehlt.

Reisebericht: zu Ende. Der afrikanische Mood bleibt.

Schon eine Woche später beginnt wieder das normale Mary Broadcast Leben:

26.1.2017 Konzert beim ersten Vienna Songcircle mit Doug Andreas und Florian Ostertag.

Ich spiele E-Gitarre und seit langem wieder einmal Solo und meine neuen Songs. Ich habe viel Spaß. Innere Sensation still with me.

Pics by Markus Dörfler und Georg Cizek-Graf.

27.1.2017 Teilnahme am FM4 Protest-Songcontest

Wir sind nicht weiter, aber lustig war es.

28.1.2017

Spiele mit John Megill und Andi bei einem Wohnungfest einer uralt Freundin, die ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hab. Komme drauf, dass die Bühne niemals Bühne sein soll und dann ist alles gut. Tanze bis in die Nacht. Habe sehr, sehr viel Spaß.

29.1.2017

Vergesse auf ein Privat-Konzert. Tausend Mal sorry Christian!!

Zwischendurch proben wir neue Lieder für den 3.Goodball, wo wir am 3.2. um 2h früh im Fluc auftreten werden. Der Ball ist die gute Alternative zum WKR-Ball. Der Reinerlös geht an Zara und Flucht nach vorne. Vor uns spielen Bernhard Eder, Lake Neon, Lausch und Julian & der Fux. Wir spielen unser neues Programm, ihr müsst hinkommen!

https://www.facebook.com/events/1264078870320082/

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Zum Schluss noch ein Geheimnis – anschauen und teilen und freuen über ein neues Kapitel Mary Broadcast:

Konzertvorschau:

03.02.17 Mary Broadcast @ Good-Ball, Fluc Wanne, Wien, mit Julian & der Fux, Lausch, Bernhard Eder, Lake Neon, Halay City Marathon, John Megill
12.02.17 Sam Renascent ( UK ) & Mary Broadcast ( AUT ) @ Cafe Dezentral, 20h
23.02.17 Mary Broadcast “unplugged” @ Mike’s Werkstatt, Wien GANZ OHNE STROM & NUR 30 SITZPLÄTZE !!

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